Der innere Antrieb  – mein Onkel Horst Bonacker

Ich kann den Anfang bis hin zurück zu der Farbe des Schattens verfolgen, den der große Iroko Baum vor der staatlichen Hochschule Umuahia warf, als meine Mutter mir das Päckchen von meinem Onkel aus Deutschland überreichte, das neben vielen anderen Dingen eben dieses eine Buch enthielt. Solange ich denken kann würde dieses Buch einen bestimmenden Einfluss auf mein Leben haben, als ich vom kleinen Jungen zum jungen Mann und vom Möchtegern-Gelehrten  zu einem wirklichen Schriftsteller wurde. Wenn ich nun nach einer durchaus langen Laufbahn als Autor zurückblicke, finde ich dies recht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich selbst in jungen Jahren nicht nur ein unersättlicher Leser war, der alles von Hardley Chase bis hin zu Soyinka nur so verschlang, sondern auch ein strenggläubiger Katholik, der - scheinbar für eine Ewigkeit - versunken in den Seiten der Bibel war, an einem Tage einen bestimmten Heiligen und am nächsten Tage einen Glaubenssatz studierend. Und doch war es dieses eine Buch mit nur begrenzter Ausdrucksweise, das geradezu alles negieren sollte, was ich bis dahin gelesen hatte, und zudem auch meine heiße Liebe nicht nur zum Fußball, sondern auch zum Geschichtenerzählen voll entfachen würde. Wie sehr ich es auch versuche, ich kann mich keiner anderen Begebenheit in meinem Leben entsinnen, die so geholfen hätte den Schriftsteller in mir herauszubringen und zu formen.

Onkel Horst vor dem Spiel Bayern Munchen gegen Weder Bremen im Jahr 1970

Wie ich bereits erwähnte, war es der Bruder meiner Mutter, mein Lieblinksonkel „Horst Bonacker“, der mir dieses Buch geschickt hatte und nach dem ich, wie es der Zufall so will, auch benannt wurde. Zu jener Zeit Schiedsrichter in der Bundesliga, konnte er in meinen Augen nichts falsch machen, und selbst als kleiner Junge war mein Sammelalbum ein lebendiges Zeugnis seiner Errungenschaften auf dem Spielfeld. Tatsächlich würde ich später im College voller Stolz seine abgelegten Jacken zur Schau tragen. Wie hypnotisiert und oft mit zitternden Knien sah unsere gesamte Familie zu, wenn er die Spiele leitete wie ein Dirigent, und wenn nötig mit seinem Finger vor den Gesichtern von Superstars wie Gerd Müller herumwedelte. Ein bestimmtes Spiel zwischen Bayern und Bremen kommt mir immer noch in den Sinn, in dem er sich, allem Gejammer der Münchener zum Trotz, weigerte für eine offensichtliche Schwalbe Elfmeter zu geben.  Selbst da formte er, wenn auch unbeabsichtigter Weise, bereits Charakter.  

Das Buch jedenfalls beschrieb in Wort und Bild die Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Der Einband war schwarz und trug das offizielle Logo des Turniers und außerdem das bekannteste Bild der Weltmeisterschaft. Zumindest nach meiner Ansicht. Es zeigte den in schwarz und weiß gekleideten Beckenbauer mit voll ausgestrecktem rechten Fuß und eingerollter Zunge a la Michael Jordan wie er John Cruyff den Ball verwehrt mit dem einzigen Ziel im Sinn Weltmeister zu werden.

Onkel Horst (links) in Bochum

Meine Erinnerungen sind in diesem Fall noch so lebendig, dass ich, wenn ich meine Augen ganz fest schließe und mich zurückversetze, immer noch weiß wie die Tinte gerochen hat, wenn man das Buch aufschlug, und wie das Sonnenlicht auf den Seiten tanzte, wenn man es in einem bestimmten Winkel hielt. Obwohl das Turnier zu der Zeit als ich das Buch bekam lange vorbei war, war es so als ob jeder Spieler, mit der Linse für die Ewigkeit festgehalten, immer noch dies bezaubernde Ballett vorführten, das die Fußballwelt alle vier Jahre in Atem hält – nur dieses mal war es nur für mich. Ich war wie hypnotisiert von jeder einzelnen Geschichte, die die Bilder erzählten oder auch nur entfernt andeuteten. Wie konnte Paul Breitner – 100% Europäer – einen Afro tragen auf den sämtliche  Mitglieder der Jackson Five neidisch gewesen wären…nicht zu schweigen von einem durchschnittlichen Nigerianischen Teenager wie mir?  Würden die Holländer  die Tatsache, dass der Brasilianer Caesar auf einem Auge blind ist, bei Regen zu ihrem Vorteil ausnutzen können? War es Jürgen Sparwassers Tor für die DDR gegen die BRD , das sie dazu veranlasste von diesem Zeitpunkt an über sich selbst hinauszuwachsen? Würde Afrika und Zaire im Besonderen sich je körperlich von der Abreibung  erholen können, die die Jugoslaven ihnen in ihrem ersten Gruppenspiel verpasst hatten? Gab es eine bessere Lokomotive in ganz Polen als den Roten Express alias „Messers, Denya und Lato“? Die versteckten Andeutungen waren so zahlreich wie das Buch Seiten hatte und eine jede für sich verlangte nach genauerer Untersuchung oder zumindest fundierten Spekulationen. Da dies die erste Weltmeisterschaft war, die im Fernsehen in Farbe gezeigt wurde, waren diese Bilder weit entfernt von der Eintönigkeit von denen, die wir aus Mexiko 1970 gesehen hatten, und waren daher in unserer Vorstellung mehr als nur lebendig. Lange bevor das Buch feinsäuberlich mit dem Rasiermesser auseinander genommen und die einzelnen Seiten herausgetrennt wurden um den ganzen Schlafsaal mit ihnen zu tapezieren, war es in der ganzen Schule herumgereicht worden und sprichwörtlich durch alle Hände gegangen. In jedem Fall war das Leben nie mehr das selbe für mich wie zuvor und immer wenn ich schrieb, dann schrieb ich so als ob ich was auch immer ich beschrieb zuerst durch eine Linse sehen würde. Im nächsten Sommer wurde mein Essay über das Wanderverhalten von (Silber-)Reihern, den ich in Vorbereitung für das WAEC  schrieb, ausgezeichnet als der Beste in der ganzen Aba-Region, selbst im Vergleich zu Schülern aus dem Abschlussjahrgang  und zum absoluten Erstaunen meines Vaters. Zum Beweis, dass es sich dabei nicht nur um einen zufälligen Glückstreffer handelte, meisterte ich anschließend beide GCE O  Abschlüsse und das gefürchtete WAEC mit Einsern in Englisch. All dies dank Onkel Horst und einer einfachen Liebesgeste.

Der 18. Mai wird Onkel Horsts siebzigster Geburtstag sein und während Streit und persönliche Differenzen in unserer Familie uns getrennt haben und wir seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr miteinander gesprochen haben; fühle ich, dass es an der Zeit ist diesem guten großartigen Mann auf meine eigene schlichte Art und Weise Achtung zu bezeugen. Angefangen damit, dass er meiner Mutter ein ungleicher Bruder war, indem er ihr nie den Rücken zukehrte, selbst als der Rest der Familie sie praktisch exkommunizierte dafür, dass sie einen Afrikaner heiratete und nach Nigeria zog, ist Onkel Horst mit jeder Faser ein wahrer Mensch geblieben.

Zusammenfluss  von Rhein und Niger, meine Eltern mit mir als jungem Bub.  Alles Gute zum Geburtstag Onkel Horst, und obwohl dies ein wenig spät sein mag, so ist es doch immer noch besser als nie. Ich danke Dir für alles und habe Dich sehr lieb.